In einer Zeit in der Rapper auf die Pflege eines verkaufsfördernden Images bedacht sind, hat Haftbefehl als letzter, echter Charakter im deutschen HipHop definitiv eine Sonderstellung. Mit seiner unvergleichlichen Art zu Rappen hat der 28-Jährige aus Offenbach in den vergangenen drei Jahren eine ganze Generation an Rappern beeinflusst. Denn während Straßenrap sich jahrelang in einer Sinnkrise befand, entwickelte Haftbefehl einfach seinen eigenen Style – innovativ und dennoch kompromisslos, knallhart und dennoch selbstironisch. Und mit seinem sprachverliebten Straßenrap ist Haftbefehl auch noch ein weiteres Kunststück gelungen. Seine Musik hört man nicht nur aus 5er-BMWs, auf Handylautsprechern und in Shisha-Cafés, sondern auch in den Charts und auf Studentenpartys. Egal ob grimmige Jungs an der Straßenecke oder Hipster in der Hauptstadt – jeder weiß, wer der Babo ist.

Geboren wird Aykut Anhan, wie Haftbefehl mit bürgerlichem Namen heißt, als Sohn einer Türkin und eines Kurden 1985 in Offenbach am Main. Schon in der Grundschule fällt er zum ersten Mal auf. Er beklaut seine Mitschüler, ist in Schlägereien verwickelt – bald ist der aggressive Junge, der alle anderen Kinder um zwei Köpfe überragt, stadtbekannt. Als er 14 Jahre alt ist, verliert Haftbefehl seinen Vater. Von da an geht es erst recht bergab mit der Schule und mit der Karriere als Krimineller steil bergauf. Er bleibt in paar Mal sitzen und geht irgendwann einfach gar nicht mehr zum Unterricht. Bei einem seiner nachmittäglichen Streifzüge durch die Stadt sieht er in einem der Schaufenster ein teures Parfüm. »Das hatte zu der Zeit jeder und ich wollte es unbedingt auch haben«, erinnert Haftbefehl sich. Beim Versuch, den Flacon zu stehlen, wird er erwischt. »Als ich gemerkt habe, dass ich das Parfüm mit Geld bezahlen muss, habe ich eben angefangen welches zu verdienen.« Das ist der Moment, in dem Haftbefehl beginnt Drogen zu verkaufen.

Die erste große Straftat folgt prompt und mit 15 muss er für zwei Wochen in den Jugendarrest. »Nach den 14 Tagen im Gefängnis habe ich mir geschworen, dass ich nie wieder da reingehe.« Das Dealen kann er nicht lassen und neben den Tütchen mit Hasch hat er bald auch Kokain im Angebot. Als er 18 Jahre alt ist, flüchtet Haftbefehl, der mittlerweile auf Drittbewährung ist, mit seinem großen Bruder in die Türkei. Dort lebt er im Istanbuler Viertel Aksaray, einem Auffangbecken für Abgeschobene und Dealer aus Deutschland und den umliegenden Ländern. »Eine dreckige Zeit«, erinnert sich Haftbefehl an die turbulenten Jahre in der türkischen Metropole. Während seiner Zeit in Istanbul fängt er an, das Erlebte aufzuschreiben und in Raptexte umzumünzen.

Als er 2006 über die Niederlande nach Deutschland zurückkehrt, beginnt er im Eifer eine Ausbildung zum KFZ-Mechatroniker, die er nach drei Wochen wieder hinschmeißt. Lieber feiert er exzessiv im Frankfurter Nachtleben. Den luxuriösen Lifestyle bezahlt er mit Geld aus Drogengeschäften, die er auch nach seiner Rückkehr nicht sein lassen kann. Seine Kunden sind Banker, Studenten - und deutsche Rapper. »So sind die auf mich aufmerksam geworden und meinten irgendwann auch zu mir, ich solle meine Texte mal aufnehmen.« Gesagt, getan. Nach einigen Studiobesuchen und fertigen Songs, schlägt Haftbefehl mit einer Mischung aus Befremden und Bewunderung 2009 in der Deutschrap-Szene auf. Jeder redet plötzlich von dem Zwei-Meter-Hünen mit dem brachialen Flow. Sein Debütalbum »Azzlack Stereotyp« aus dem Jahr 2010 ist zwar kein großer kommerzieller Erfolg, markiert aber dennoch eine Wende im deutschen Straßenrap.

Haftbefehl braucht tatsächlich nur ein Album um das angeschlagene Genre Straßenrap zu revitalisieren. Zwar rappt er genau so wie seine Kollegen über Drogenhandel, Waffengewalt und das Leben auf den Straßen von Offenbach und Frankfurt. Aber er tut es mit einer bis dato ungekannten Dichte an Details und vor allem in seiner ganz eigenen Sprache. In seinen Texten treffen hessische Begrüßungsformeln auf türkische Verwünschungen und arabische Ausdrücke für Rauschgift oder die Kriminalpolizei. »Ich habe einfach so gerappt wie ich auf der Straße geredet habe«, erinnert sich Haftbefehl. »Alle Straßenrapper vor mir waren kleine Bushidos, die nichts Eigenes gemacht haben. Ich hingegen habe etwas geschaffen, dass es so in Deutschland noch nicht gab.«

Mit Erfolg - denn der sympathische Zwei-Meter-Mann mit dem Rachenkratzer- Raps, der redet wie ihm der Mund gewachsen ist und flowed wie ein junger Notorious B.I.G. sieht sich plötzlich einer nie gekannten Faszination und Akzeptanz seitens der Szene ausgesetzt. Das spiegelt sich auch auf seinem zweiten Album »Kanackiş« wieder, für das Haftbefehl mit deutschen Größen wie Sido und Jan Delay zusammenarbeitet und das 2012 aus dem Stand in den Top Ten der deutschen Charts landet. Gut zehn Jahre nach Azad ist Straßenrap aus Frankfurt endlich wieder ein, wenn nicht sogar das, Thema im deutschen HipHop.

Ein Status den Haftbefehl Ende 2013 mit der Single »Chabos wissen wer der Babo ist« ein weiteres Mal untermauert. Der Song ist eine Hymne, die es ihm deutschen Straßenrap bis dato noch nicht gab und die sich lange in den deutschen Charts hält. Bald weiß jeder wer im Lambo und Ferrari sitzt und vor allem wer der Babo ist. Als er wenig später das Doppel-Album »Blockplatin« in den Top 5 der Charts platziert und Babo zum Jugendwort des Jahres gewählt wird, ist endgültig klar, dass es kein Vorbeikommen mehr an Baba Haft und seinem Azzlack-Camp gibt. Ob in den Feuilletons der Tageszeitungen oder auf den Schulhöfen – überall ist der Offenbacher Gesprächsthema Nummer 1. Aus Gründen. Bis heute.

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